Einleitung
Wenn man eine Darstellung der persönlichkeitspsychologischen Ansätze
der letzten 30 Jahre oder eine Abhandlung über Möglichkeiten und
Grenzen der Psychodiagnostik zur Hand nimmt, dann findet man nicht selten
einen mehr oder weniger knapp gehaltenen Hinweis auf den US-amerikanischen
Psychologen George A. Kelly und seine schon 1955 publizierte Psychologie
der persönlichen Konstrukte, besonders aber auf das von ihm entwickelte
Untersuchungsverfahren, den "Rep-Test" oder die "Repertory Grid-Technik"
(Kelly 1955, 1986). Über den Status von Geheimtips sind
derartige Andeutungen, etwa von Thomae (1968), Hofstätter (1971) oder
in deutscher Übersetzung und schon ausführlicher Pervin (1981),
allerdings selten hinausgelangt.
Zwar hat Wewetzer schon 1973 entschiedener auf Kelly hingewiesen;
Sader (1980), Groeben u. Scheele (1977), Bonarius et al. (1984) haben sich
ausführlicher mit der Konstruktpsychologie auseinandergesetzt; Orlik
(1979; Orlik et al. 1982) hat eine eigene Variante der Grid-Technik entwickelt
(das Selbstkonzeptgitter); und inzwischen ist die Repgrid-Technik (so
die mittlerweile eingeführte Kurzbezeichnung) von Haubl u. Spitznagel
(1983) - im Kontext einer Diagnostik sozialer Beziehungen - in der neuen
Enzyklopädie der Psychologie vorgestellt worden. Die ersten Dissertationen
befassen sich mit theoretischen Problemen (Lohaus 1983; Riemann 1987) und
Anwendungsfragen (z. B. Gesprächstherapieausbildung: Baumann 1979; ärztliche
Ausbildung: Egle 1982; Selbstkonzept von Schizophrenen: Buschmann-Steinhage
1987; Arzt-Patient-Beziehung: Felder 1988; Psychosomatik der Hepatitis: Bartholomew
1990). Doch all dies ist eigentümlich folgenlos für den Methodenkanon
der Psychodiagnostik wie der klinischen Psychologie geblieben, und viel mehr
als ein Apropos ist die Psychologie der persönlichen Konstrukte im Rahmen
des Psychologiestudiums offenbar nicht wert. Bis heute sind es eher einzelne,
die sich mit diesem Gebiet beschäftigen. Daß Arbeiten erscheinen,
in denen die Repgrid-Technik ebenso selbstverständlich wie andere Verfahren
verwendet wird, ist noch die Ausnahme.
Auch in den USA gehört die "personal construct psychology"
(im folgenden mit PCP abgekürzt) nicht zum allgemein
akzeptierten Bestand der akademischen Psychologie. Sie hat jedoch Hochburgen
an einer Reihe von Universitäten (z. B. University of Florida/Gainesville,
Lincoln/NE, Rochester/NY, Albany/NY, Memphis/TN); darüber hinaus hat
sie v. a. in Großbritannien und Australien Bedeutung erlangt, zunehmend
auch in Italien und Spanien.
Wenn eine wissenschaftliche Richtung sich 35 Jahre nach ihrer
Begründung in einer derartigen Lage befindet, so hat dies natürlich
seine Ursachen. Es hat zum einen mit den Ausgangsbedingungen und auch mit
der Person Kellys zu tun: Kelly hat seine Vorstellungen in den 50er Jahren
in prononcierter Abgrenzung von den damals herrschenden Denkrichtungen entwickelt
insbesondere von der behavioristischen Psychologie einerseits und der tiefenpsychologisch-psychodynamischen
andererseits. Er hat es für notwendig erachtet, für seine neuartigen
Gedanken auch eine neue Terminologie zu entwickeln. Und er hat in der Folge
Entwicklungen in anderen Bereichen, mit denen fruchtbarer Austausch möglich
gewesen wäre, weitgehend ignoriert. Dies ist bekanntlich kein ungewöhnliches
Geschehen in der Anfangszeit einer neuen wissenschaftlichen Idee: Auf diese
Weise entstehen Schulen und bisweilen Sekten; die Exegese des Opus Magnum
unter den bereits so genannten Kellyanern findet ihre Entsprechung
in der konsequenten Ignorierung der innovativen Beiträge der Konstruktpsychologie
durch die Vertreter etablierter Paradigmata.
Ein zweiter Gesichtspunkt ist inhaltlicher Art: Aus der Sicht
einer nomothetisch interessierten, behavioristisch orientierten Psychologie
ist Kellys Ansatz provozierend subjektivistisch; aus psychodynamischer Sicht
mag - oder mochte - er zu kognitiv orientiert erscheinen, zu ahistorisch im
Sinne einer fehlenden Entwicklungspsychologie und - in Gestalt der Repgrid-Technik
- nun wieder zu objektivistisch-quantifizierend. Die ersten 30 Jahre der PCP
haben übrigens bereits ihre wissenschaftssoziologische und -historische
Einordnung erfahren (Neimeyer 1985).
Es mehren sich jedoch die Zeichen, daß Theorie und Technik
v. a. im Bereich von Psychosomatik, Psychotherapie, medizinischer und klinischer
Psychologie - nach frühen Ansätzen wie bei Schüffel u. Schonecke
(1972) - auch hierzulande zunehmend auf Interesse stoßen (vgl. Bannister
u. Fransella 1981; Schüffel 1988; Scheer u. Catina, im Druck a,b). Nach
"kognitiver Wende" in der Verhaltenspsychologie, nach zunehmender Bedeutung
von Selbst- und Objektbeziehungspsychologie in der Psychoanalyse und bei
wachsender Unzufriedenheit mit der nur begrenzten Bedeutung des behavioristischen
Forschungsansatzes für das psychologische Verständnis des Alltagslebens
scheint Kellys Ansatz für viele Forscher und gerade auch Praktiker interessant
zu werden. Es ist die gleiche Entwicklung, die z. B. qualitative Forschungsmethoden
in den Vordergrund rückt und die Bedeutung von "subjektiven" und Alltagstheorien
betont. Hinzu kommt, daß die zunehmende Verbreitung von Personalcomputern
die Rezeption dieses Ansatzes fördert, da sie auch dem Praktiker erlaubt,
das relativ komplexe Datenmaterial, das die Repgrid-Technik erbringt, schnell
und einfach auszuwerten.
Wer wissenschaftlich und praktisch viel mit Menschen zu tun
hat, die nicht im engeren Sinne psychisch krank und hilfebedürftig sind,
stößt zunehmend an die Grenzen dessen, was mit den üblichen
Erfassungsmethoden, etwa Fragebogen, standardisierten Interviews, Ratingskalen
etc. möglich ist. Nicht nur, daß die Kooperationsbereitschaft
bei derartigen Untersuchungen oft niedrig ist, v. a. wenn ganze Fragebogenbatterien
eingesetzt werden, man kann oft auch Zweifel haben, ob die uns z. B. in Fragebogen
vertrauten Begriffe und Konstrukte, etwa faktorielle Dimensionen, wirklich
dem angemessen sind, was die Menschen bewegt. Wenn wir z. B. wissen wollten,
was in den Köpfen unserer Klienten vorging, dann interessierten wir
uns oft weniger für ihren Wert etwa auf der Skala "Dominanz" des Gießen-Tests
oder der Skala "psychosomatische Beschwerden" des FPI als dafür, was
Dominanz für sie "ganz persönlich" (und mit ihren eigenen Worten)
bedeutete und wie ihre Beschwerden, ob nun psychosomatischer Natur oder
auch nicht, in ihre Vorstellung von sich selbst als menschlichen Wesen in
dieser Welt passen.
Und damit waren wir bei den von Kelly so genannten "persönlichen"
Konstrukten. Wir erinnerten uns an die zentrale Metapher Kellys "der Mensch
als Forscher" und machten uns also zunutze, daß viele Menschen
neugierig sind, etwas über sich selbst herauszufinden, wenn man ihnen
Gelegenheit dazu gibt und sie dazu ermuntert. Das aber ist ein zentrales
Moment der Repgrid-Technik.
Unter den Wissenschaftlern, die sich mit der PCP beschäftigen,
lassen sich 2 Hauptgruppen unterscheiden:
- die echten Kellyaner, die sich v. a. für die Theorie
der persönlichen Konstrukte und daraus resultierende psychologische
und philosophische Implikationen interessieren oder auch für therapeutische
Konsequenzen, und
- diejenigen, die v. a. die Untersuchungsmethoden, insbesondere
also die Grid-Technik, interessant finden.
Da unter letzteren zuweilen ein eher mechanistisches Verständnis
der Grid-Technik zu beobachten ist, scheint es angebracht, auf die Theorie
der persönlichen Konstrukte hinzuweisen, da sie einerseits
die Methode legitimiert, andererseits ihre Möglichkeiten erst sinnvoll
auszuschöpfen gestattet
Zur Theorie der persönlichen Konstrukte
Es mangelt hier an Raum, Kellys Vorstellungen ausführlich darzustellen.
Auch würden neuere Entwicklungen etwa der Kognitionspsychologie oder
der Linguistik heute ermöglichen oder es sogar erfordern, manche Kategorien
Kellys präziser zu entwickeln. Daher seien nur einige wesentliche Gesichtspunkte
genannt.
Antizipation
So wie es das Ziel eines Wissenschaftlers sei, durch Vorhersagen und ihre
Prüfung an der Realität diese besser zu kontrollieren, so versuche
jeder Mensch, den Verlauf der Ereignisse, an denen er beteiligt ist, vorherzusagen
und zu kontrollieren. Jeder Mensch habe seine Theorien, prüfe seine Hypothesen
und werte seine experimentellen, besser empirischen Befunde aus. In diesem
Sinne sei im Grunde jeder Mensch ein Wissenschaftler. "Man as scientist"
lautet deshalb Kellys zentrale Metapher. Wir antizipieren
demnach Ereignisse und Erlebnisse, wir "konstruieren" unsere Wirklichkeit
und finden diese Konstruktionen an der Erfahrung validiert oder invalidiert.
Das Grundpostulat Kellys lautet: Die psychischen Prozesse
einer Person werden durch ihre Art, Ereignisse zu antizipieren, gelenkt.
In einer Reihe von weiteren Postulaten und Definitionen, die
er etwas eigenwillig - und die Rezeption erschwerend - als "corollaries"
(Folgesätze) bezeichnet, hat Kelly diese Vorstellungen präzisiert.
Sie beziehen sich auf die sog. Konstrukte.
Konstrukte
Was ist nun ein Konstrukt? Kelly benutzt den Begriff etwas anders, als es
sonst etwa in der Gegenüberstellung von "theoretischem Konstrukt" und
"beobachtbarem Merkmal" üblich ist. Ein Konstrukt ist, oberflächlich
gesehen, ein verbales Etikett, aber dieses steht für eine begriffliche
Unterscheidung, die ein Individuum vornehmen kann. So sind wir z. B. gewohnt,
in Kontrasten (Dichotomiesatz) zu denken: Der Begriff "groß"
existiert nicht ohne eine Vorstellung von "klein".
Konstrukte dienen dazu, Ereignisse in der Vorstellung zu replizieren,
also ihre Wiederholungen vorauszusehen, und durch Bestätigung oder Verwerfung
unser Weltbild zu verfertigen, eben "Realität zu konstruieren" (Konstruktionssatz).
Unsere Konstrukte sind in Systemen mit u. U. hierarchischer
Struktur organisiert (Organisationssatz). Wir verfügen über
mehrere Konstruktsysteme für verschiedene Bereiche, die auch partiell
unvereinbar oder zumindest widersprüchlich sein können(Fragmentationssatz).
Konstrukte sind grundsätzlich durch Erfahrung veränderbar
(Erfahrungssatz). Eine Person ordnet sich selbst einer
Konstruktalternative zu ("wählt" diese), wenn sie sich davon eine Erweiterung
oder Präzisierung ihres Konstruktsystems erwartet; sie formt damit ihr
Selbstbild, "konstruiert sich selbst" (Wahlsatz). Konstrukte sind
individuell (Individualitätssatz), also persönlich, aber
doch immer wenigstens begrenzt mit den Konstruktionen anderer Menschen kompatibel
(Ähnlichkeitssatz) - andernfalls wäre keine Verständigung
und kein Austausch im sozialen Prozeß möglich (Sozialitätssatz).
Jedes Konstrukt hat einen bestimmten, begrenzten Anwendungsbereich
(Bereichssatz), der enger oder weiter sein kann. Dies
begrenzt auch die Veränderbarkeit von Konstrukten (Lernfähigkeit,
Neuorientierung), denn Konstrukte sind unterschiedlich "permeabel", d. h.
in der Lage, "neue" Elemente, z. B. Ereignisse, in ihren Geltungsbereich
aufzunehmen(Modulationssatz). Es lassen sich "Kernkonstrukte" beschreiben,
die das Ich betreffen und die Aufrechterhaltung der Selbstidentität
ermöglichen. Veränderungen der Kernkonstrukte können zu starkem
Streß führen. Kernkonstrukte sind weniger leicht veränderbar,
sind anderen übergeordnet und haben deswegen einen größeren
Anwendungsbereich.
Im Zentrum von Kellys Interesse steht demnach die Erforschung
der Konstrukte, mit denen das Individuum seine Umgebung analysiert, versteht,
strukturiert und letztlich in ihr zurechtkommt. Es ist erkennbar, daß
sich Berührungen zur modernen Kognitionspsychologie ergeben. Wenn wir
an Attributionen denken, z. B. an Kausalattributionen, an kognitive Dissonanz,
an Kontrollüberzeugungen, an Alltagstheorien und subjektive Theorien,
dann sehen wir vielleicht, wo Konstruktpsychologie und andere Richtungen
der modernen Psychologie einander berühren und voneinander profitieren
könnten. Kelly hat einerseits, auch in der Auseinandersetzung mit Psychoanalyse
und Behaviorismus, Themen und Konzepte der klinischen und der Persönlichkeitspsychologie
im Lichte der Psychologie der persönlichen Konstrukte reformuliert und
dabei stellenweise neue Perspektiven eröffnet, auch wenn einige der
Postulate einer empirischen Überprüfung nicht in vollem Umfang standgehalten
haben (wie etwa der Dichotomiesatz, vgl. Riemann 1987, 1990). In einigen
Bereichen ist er demgegenüber als - übersehener oder vergessener
- Vorläufer zu betrachten (Groeben u. Scheele 1977; Mischel 1980; Bonarius
et al. 1984). Die Nähe seines "constructive alternativism" zur philosophischen
Position des radikalen Konstruktivismus (v. Glasersfeld 1981) ist nicht zu
übersehen. In metatheoretischen Überlegungen wie denen von Mahoney
(1988) und Kenny (1988) wird auf Beziehungen zwischen Kellys theoretischen
Vorstellungen über das Konstruieren von Realität und der Theorie
selbstorganisierter Systeme im Sinne von Maturana und Varela hingewiesen.
Die Repertory Grid-Technik
Auf der Grundlage seiner Vorstellungen hat Kelly mehrere Vorgehensweisen
entwickeln mit denen sich persönliche Konstrukte erfasssen lassen. Von
besonderer Bedeutung, auch über den engeren Bereich von Kellys Konstruktpsychologie
hinaus, ist die Repertory Grid-Technik (s. dazu Fransella u. Bannister 1977;
Scheer u. Catina, im Druck a).
Kelly interessierte sich v. a. für die Konstrukte, die
Menschen hinsichtlich ihrer personalen Umgebung haben, also in bezug
auf Personen, die in einer angebbaren Beziehung zu ihnen stehen. Das sind
zum einen die primären Bezugsgruppen, nahe Verwandte, Partner, Freunde,
aber auch Repräsentanten typischer Beziehungen, wie z. B. "der Lehrer,
der Sie in Ihrer Jugend am meisten beeinflußt hat" oder "die Person,
in deren Gegenwart Sie sich am unwohlsten fühlen" oder "der glücklichste
Mensch, den Sie persönlich kennen". Diese Personen werden in der Terminologie
des Verfahrens als Elemente bezeichnet. Die ursprüngliche Version
kannte 24 solcher Elemente.
Die Elemente sind demnach die Gegenstände, auf die sich
die Konstrukte beziehen, sie sind also die Grundlage eines Konstruktsystems.
Wählt man andere Elemente, z. B. "belastende Situationen", wird man
mit einer anderen Art von Konstrukten rechnen können, die ja sozusagen
die Medien des "antizipierenden" Denkens im Hinblick auf die Elemente sind.
Diese grundsätzliche Wahlfreiheit bei der Definition von Elementen und
auch bei der Festlegung der Prozedur zur Gewinnung von Konstrukten macht
die vielseitige Verwendbarkeit des Verfahrens aus.
Durchführung
Die Prozedur wird im folgenden ausführlicher dargestellt, da so am besten
der besondere Charakter des Verfahrens erkennbar wird.
Der erste Schritt der Untersuchung des Konstruktsystems in
der "klassischen" Form besteht aus der Erhebung der Elemente. Dazu
stellt der Untersucher zusammen mit dem Probanden eine Liste dieser wichtigen
Personen zusammen, in der Praxis vielleicht 10 oder 13 oder auch 20, je nach
besonderer Eingrenzung des Untersuchungsthemas.
Der zweite Schritt besteht aus der Gewinnung der Konstrukte.
Hierzu gibt es verschiedene Methoden, die jeweils ihre Vor-
und Nachteile, d. h. einen spezifischen Anwendungsbereich haben. Bei der
gebräuchlichsten werden aus der Menge der Elemente nach Zufall Triaden
gebildet. Diese drei Elemente werden - z. B. auf Karten geschrieben - dem
Probanden vorgelegt mit der Aufgabe, sich zu überlegen, in welcher
Weise zwei der drei Elemente einander ähnlich sind und sich darin
von dem dritten unterscheiden.
Wenn beispielsweise die zwei ähnlichen Elemente die Mutter
und Tante Emma sind, ist ihnen vielleicht gemeinsam,
daß sie "gefühlsbetont" sind, in Absetzung vom besten Freund,
der als "sachlich" bezeichnet wird. Das erste Konstrukt ist
dann "gefühlsbetont", sein Kontrastpol "sachlich". Danach wird eine
weitere Triade ausgelost, ein zweites Konstruktpaar gewonnen. Man fährt
fort, bis man ungefähr so viele Konstrukte hat, wie Elemente vorlagen,
also vielleicht 10 oder 13 oder 20. In anderen Prozeduren, oft z. B. bei
der Untersuchung von Kindern, werden nur je zwei Elemente vorgelegt - dann
mit der Frage nach Ähnlichkeit oder Unterschied; manchmal sind systematisch
bestimmte Elemente (z. B. das Selbst) in jeder Triade enthalten, wenn das
Untersuchungsziel dies sinnvoll erscheinen läßt.
Dieser Prozeß der Konstrukterhebung ist ein längerdauernder
Vorgang, der nicht nur aus einer bloßen Befragung besteht. Oft müssen
sich die Probanden ihre Konstrukte "erarbeiten", denn nicht immer liegen ihnen
alle geläufig vor. Wie bei manchen anderen Testverfahren ist vom Untersucher
eine einfühlsame, behutsame Begleitung gefordert. Er muß allzu
konkretistische, oft "triviale" Konstrukte abweisen (wie z. B. "alt" - "jung"),
deren Nennung allerdings manchmal als Ausdruck von Abwehrvorgängen gedeutet
werden kann. Er muß gelegentlich Artikulationshilfe leisten, etwa durch
Nachfragen. Es wird vielleicht deutlich, daß auch eine gewisse Vertrauensgrundlage
gegeben sein muß, weil durchaus intime Dinge berührt werden können.
Die Gewinnung der Konstrukte kann eine Stunde oder auch länger dauern.
Der Vorgang der Konstruktgewinnung kann auch eigenes Interesse beanspruchen:
die Kommentare der Probanden zu ihren Überlegungen bieten oft reichhaltiges
Material, das dem in tiefschürfenden Interviews gewonnenen vergleichbar
ist, manchmal durch die Art des Vorgehens ganz unerwartete Bereiche eröffnet.
Schon auf dieser Ebene ist es eindrucksvoll zu sehen, wie Konstruktbildungen
von dem abweichen können, was als Bestandteil einer allgemeinen Semantik
in vielen Fragebogen erscheint: Die eine Person bildet als Kontrastpol zu
"mütterlich" "väterlich", was nicht überrascht. Die andere
aber sagt: das Gegenteil ist "egoistisch", eine dritte sagt "dünn" oder
"drahtig" oder "hart". Es wird andererseits nicht Wunder nehmen, daß
auf einer hierarchisch höheren Ebene nicht selten eine evaluative Dimension
im Sinne Osgoods ermittelt werden kann (Riemann 1987).
Elemente und Konstrukte werden alsdann so angeordnet, daß
eine zweidimensionale Matrix entsteht. Im 3. Schritt wird der Proband aufgefordert,
mit Hilfe einer 6stufigen Skala für jedes Element anzugeben, inwieweit
jedes Konstrukt bzw. sein Kontrastpol auf das Element zutrifft. Auch dieser
Schritt beansprucht verständlicherweise einige Zeit. Das Ergebnis ist
eine rechteckige, meist quadratische Matrix mit Zahlen von z. B. 1 bis 6.
Manche Autoren verwenden 5stufige, andere 13stufige Skalen, wieder andere
lassen die Elemente rangordnen. Damit ist die Durchführung der Untersuchung
abgeschlossen.
Die englische Bezeichnung für ein solches Raster oder
Gitter lautet "Grid". Und weil es um das Repertoire an Konstrukten
gegenüber den Trägern der geschilderten Rollen geht, nannte
Kelly das Verfahren "role construct repertory grid", daher die Abkürzung
Repgrid. Im Deutschen wird gelegentlich auch die Bezeichnung
Konstruktgitter verwendet Der Ausdruck Rep-Test wird
i. allg. für Kellys Urform benutzt, in der nur registriert wurde, ob
ein Konstrukt für ein Element anwendbar ist oder nicht, also ohne quantitative
Abstufung. Die meisten Anwender weichen heute von Kellys ursprünglicher
Liste von 24 Rollentiteln ab, indem sie - je nach besonderem Untersuchungsinteresse
- unterschiedliche Konfigurationen von "personal others" vorgeben, oft mit
zusätzlichem Vorschlagsrecht für die Probanden.
Diese Matrix ist nun der Ausgangspunkt für alle weitergehenden
Auswertungen.
Auswertung
Auswertung einzelner Grids
Es ist evident, daß in hohem Maße individuumspezifische Information
gewonnen wird. Daher liegt das Schwergewicht der Auswertung auf der Untersuchung
der Konstruktsysteme einzelner Personen. Da keine allgemeingültigen Merkmalsvariablen
erhoben werden, ist das Vorgehen als idiographisch zu kennzeichnen.
In der klinischen Arbeit mit einzelnen Klienten, besonders
im Rahmen einer therapiebezogenen Diagnostik, mag es schon von Interesse
sein, direkt von der Grid-Matrix auszugehen. Man kann wie bei einem Interviewprotokoll
das vorliegende Material betrachten, die Beurteilungen verschiedener Personen
per Inspektion vergleichen etc.
Es liegt jedoch nahe, eine solche Datenstruktur multivariat
auszuwerten und sie den heute in Computern vorliegenden Programmprozeduren
zu unterziehen. Schon Kelly hatte eine Art nonparametrischer Faktorenanalyse
vorgeschlagen. Heute werden zur Reduktion der Komplexität hauptsächlich
einerseits Faktorenanalysen, andererseits Clusteranalysen verwendet. Die
geringe Größe der Datenmatrizen erlaubt auch die Auswertung unter
Benutzung von PCs. Verbreitet ist v. a. eine von Slater seit 1964 entwickelte
Hauptkomponentenanalyse namens INGRID (= INdividuelle
GRIDauswertung; Slater 1977). Dieses Programmsystem liefert natürlich
auch Zusammenhangsmaße für die Beziehungen zwischen den
Elementen sowie zwischen den Konstrukten und ermöglicht die Berechnung
von Distanzmaßen. So lassen sich etwa Distanzen zwischen Selbst
und Ideal-Selbst in Kennwerten angeben oder auch Distanzen zwischen Personen,
z. B. Partner und Vater, welche die empfundene Ähnlichkeit bzw. Unähnlichkeit
wiedergeben.
Einfachere Parameter sind die Varianzen der einzelnen
Konstrukte und Elemente, die z. B. etwas aussagen über die Differenzierungsfähigkeit
eines Konstrukts hinsichtlich der Elemente oder die Differenziertheit in der
Wahrnehmung (bzw. Beurteilung) eines Elements, und der Varianzanteil der
1. Komponente der Hauptkomponentenanalyse.
Da bei Slaters Hauptkomponentenanalyse die Zeilen und Spalten
nur normalisiert werden, können - unter Bezug auf das bekannte Theorem
von Eckart und Young (1936) - Elemente und Konstrukte in einem gemeinsamen
Raum dargestellt werden (Bell 1988).
Diese gemeinsame Faktorisierung von "Personen" und "Variablen"
wird sonst selten praktiziert, weil bei den meisten Anwendungsgebieten der
Faktorenanalyse andere Erkenntnisziele vorliegen: in der Regel wird daher
getrennt entweder die Variablen-Kovarianzmatrix (als R-Faktorenanalyse) oder
die Personen-Kovarianzmatrix (als Q-Faktorenanalyse) auf Hauptkomponenten
zurückgeführt. Erinnert sei an die zur Analyse semantischer Strukturen
entwickelte "dreimodale" Faktorenanalyse (Tucker 1963).
Bei der Analyse von Repgrids ermöglicht diese Art der
Auswertung die Ermittlung einer Assoziation von Elementen und Konstrukten,
und dies auf der Grundlage einer Struktur von gegenüber der Ausgangsmatrix
reduzierter Dimensionalität.
Um es einfacher zu sagen: Man erhält - angesichts der
Größe der Matrizen nicht überraschend - in der Regel 2 -
3 Hauptkomponenten, die sich durch die zugeordneten Konstrukte beschreiben
lassen. Dies sind die Hauptdimensionen, die ein Mensch verwendet, um über
seine Konstrukte seine wichtigen Bezugspersonen zu beurteilen - jedenfalls
in der Situation der Repgrid-Erhebung. Diese Personen lassen sich ihrerseits
durch ihre Lage bezüglich dieser Dimensionen charakterisieren. Beispiele
finden sich in den in Schüffel (1988) wiedergegebenen Aufsätzen.
Die Anschaulichkeit der so ermöglichten graphischen Darstellung
von Beziehungen macht diese Form der Einzelgrid-Auswertung auch für Kliniker
attraktiv, deren theoretische Orientierung wenig mit der 'Theorie der persönlichen
Konstrukte zu tun hat (vgl. Bassler 1988). Andere graphische Veranschaulichungen
der Hauptkomponentenstruktur sind ebenfalls nicht für die Grid-Auswertung
spezifisch, aber u. U. hilfreich, etwa die Darstellung einer dreidimensionalen
Struktur in Gestalt einer "Weltkarte".
Wenn sich das Interesse auf Beziehungen zwischen einzelnen
Elementen, insbesondere zwischen aktuellem und idealem Selbst, richtet, können
die Distanzen zwischen Selbst bzw. Ideal und allen anderen Elementen
nach einem Vorschlag von Makhlouf-Norris u. Norris (1971)
in ein zweidimensionales Schema eingezeichnet werden, in dem diese beiden
Elemente die - in der Darstellung - orthogonalen Achsen bezeichnen. Obwohl
grundsätzlich keine andere Information verwendet wird, als sie den anderen
Auswertungsprozeduren zugrunde liegt, ermöglicht diese Selbst-Identitäts-Graphik
eine besondere Sicht auf die Selbst-Ideal-Beziehungen, die v.a. auch in der
Besprechung mit dem Klienten selbst nützlich sein kann.
Die Analyse der Grid-Matrix ermöglicht Aussagen über
die Dimensionalität des Raumes und über den Anteil der Varianz,
der durch die einzelnen Komponenten erklärt wird. Der Varianzanteil
des 1. Faktors ist als (komplementäres) Maß für "kognitive
Komplexität" beschrieben worden (Bieri 1955).
Beziehungen zwischen Konstrukten (etwa in Gestalt von Korrelationen)
lassen sich im Hinblick auf Inkonsistenzen analysieren. Auf derartiger
Grundlage haben Bannister u. Fransella (1967) einen Test für schizophrene
Denkstörungen entwickelt. Es ist zweifellos eine interessante Perspektive,
zu untersuchen, wie Konstruktsysteme bei schizophren Erkrankten aussehen,
etwa: welche Konstruktbereiche mit denen anderer Menschen vereinbar sind und
welche nicht. Aber auch bei nicht psychotischen Patienten lassen sich durch
Analyse der Konstruktbeziehungen Konfliktpotentiale identifizieren und solche
Bereiche, deren Veränderung durch Therapie Inkonsistenzen bedeuten würde
und die daher für Widerstandsphänomene verantwortlich sein können
(Winter 1985).
Gruppenauswertung
Den Forscher, der allgemeiner gültige Gesetzmäßigkeiten auffinden
möchte - und insofern einem "nomothetischen" Ansatz verpflichtet ist
-, befriedigt die Beschäftigung mit dem noch so faszinierenden Einzelfall
nicht. Für überindividuelle Auswertungen eignen sich abgeleitete
Parameter, z. B. Strukturmerkmale von Grids. Einige derartige Kennwerte wurden
bereits genannt: Distanzen zwischen Selbst und Ideal, Selbst und anderen,
Varianzanteil der 1. Hauptkomponente, Korrelationen zwischen ausgewählten,
u. U. vorgegebenen Konstrukten etc.
Wenn man auf die Konstruktthemen nicht verzichten will, kann
man sie inhaltlich klassifizieren. Kategoriensysteme wie das von Landfield
(1971) vorgeschlagene haben jedoch nur eine begrenzte Anwendbarkeit Der Forscher
wird daher theorien- oder hypothesengeleitet eigene Kategorien entwickeln
müssen, wenn er Grids inhaltlich vergleichen will.
Varianten der Grid-Technik
Die bisher geschilderte Prozedur der Grid-Erhebung läßt sich trotz
ihrer zahlreichen Variationsmöglichkeiten als Standardverfahren bezeichnen:
Rollenträger bzw. wichtige Personen werden als Elemente gesetzt, Konstrukte
werden individuell erhoben. Abweichungen hiervon beziehen sich zum einen
auf ein größeres Maß an Standardisierung, zum anderen auf
eine kaum noch übersehbare Vielfalt von einfallsreichen Variationen
des Grundprinzips (Beispiele in Slater 1976).
Standardisierung
Vor allem zu Forschungszwecken, zum Vergleich von Grids verschiedener Personen,
aber auch zum Vergleich von mehreren Grids einer Person ist zuweilen ein stärkeres
Maß an Vereinheitlichung des Vorgehens erwünscht.
Dazu können sowohl bestimmte Elemente als auch Konstrukte
vorgegeben werden. Man kann sie entweder a priori setzen
oder in vorausgehenden Explorationen für eine bestimmte Personengruppe
als bedeutsam ermitteln. Dies ergibt formal bessere Möglichkeiten, mehrere
Grids zu vergleichen, z. B. zum Zwecke einer Reliabilitätsbestimmung.
Das kann auch bei Mehr-Punkt-Untersuchungen, etwa bei Therapieerfolgsstudien,
sinnvoll sein; auf das spezifisch Attraktive der Konstruktpsychologie, nämlich
die Bestimmung maximal individuell relevanter Konstrukte, wird dabei allerdings
verzichtet. In Kollektivstudien zum Therapieverlauf kann man das zu Beginn
individuell erhobene Grid dem Patienten am Ende erneut zur Beurteilung vorlegen
(und Prozeduren des Matrix- oder Faktorenstrukturvergleichs anwenden). Man
kann aber auch entweder nur die Konstrukte erneut in identischer Form vorgeben
(wenn Variationen der Elementkonfigurationen von besonderem Interesse sind)
oder die Elemente (wenn Veränderungen in den Konstruktsystemen erwartet
werden).
Variationen von Elementen
Aufgrund der fast unbegrenzten Vielfalt der Variationsmöglichkeiten
und der großen Zahl bereits erprobter Ansätze können an dieser
Stelle nur einige wenige Beispiele angeführt werden (s. auch die Reader
von Beail 1985a und Button 1985a).
Spezifische Vorgaben
Weder die 24 Rollentitel von Kellys Urform noch die "personal others" der
inzwischen üblichen Standardprozedur begrenzen die Möglichkeiten
des Verfahrens. Ein Beispiel für weitere Rollentitel gibt eine Untersuchung
zur Arzt-Patient-Beziehung, in der zusätzlich zu wichtigen Bezugspersonen
weitere Rollen vorgegeben wurden: "mein Frauenarzt", "mein Hausarzt", "der
ideale Arzt", "der ideale Partner", "meine beste Freundin" (Felder 1988).
So ließen sich sowohl die Konstrukte ermitteln, die die befragten Frauen
zur Kennzeichnung ihres Frauenarztes bevorzugen, als auch die Nähe und
Distanz dieser für die Frauen wichtigen Person zu anderen Beziehungspartnern.
Aspekte des Selbst
Durchaus im Sinne Kellys können spezifische Konstruktsysteme durch systematische
Einbeziehung bestimmter Elemente gezielt untersucht werden. Button (1985
b,c) hat magersüchtige Patientinnen untersucht und dabei Elemente vorgegeben
wie: "ich mit meinem höchsten Gewicht"; "ich, wie ich vor einem Jahr
war"; "ich selbst, als ich am dünnsten war". Es zeigte sich, daß
das "Dünnsein" für die einzelnen Patientinnen eine jeweils spezifische
Bedeutung haben konnte: Für einige von ihnen verheißt danach z.
B. das Konzept "Dünnsein" gewissermaßen mehr Sicherheit bei der
Orientierung in der Welt (im Sinne von Antizipation und Validierung) als
eine, bewußt auch von ihnen selbst angestrebte, sogar idealisierte
Existenz "mit Normalgewicht". Die therapeutische Bedeutung solcher Ergebnisse
dürfte evident sein.
Beziehungen
Ryle u. Lunghi (1970) benutzten nicht einzelne Personen bzw. Rollen als Elemente,
sondern Beziehungen, d. h. Dyaden von Personen, daher die Bezeichnung
"dyad grid". Ein Element ist dann z. B. die Beziehung Selbst-Vater, ein anderes
die Beziehung Vater-Selbst, eine drittes die Beziehung Vater-Mutter usw.
Die zu bildenden Konstrukte, übrigens hier nicht im oben geschilderten
Triadenvergleich, sondern im einfacheren Paarvergleich gewonnen, charakterisieren
dann jeweils die Beziehungen. Die Ergebnisse sind nicht unbedingt mit jenen
identisch, die aus einer Hauptkomponentenanalyse mit den einzelnen Personen
als Elementen erschlossen werden könnten.
Nichtpersonale Elemente
Der Gedanke, daß wir persönliche Konstrukte im antizipatorischen
Umgang mit unserer Umwelt verwenden, hat einen wesentlich weiteren Anwendungsbereich
als nur den Bezug auf nahestehende Personen.
In der nichtklinischen Forschung sind, neben einer großen
Zahl anderer Untersuchungsgegenstände, z. B. britische Seebäder
(Riley u. Palmer 1976), Kunstgegenstände im Unterricht (Phillips 1985),
Reaktionen auf frustrierende Situationen bei jungen Strafgefangenen (Watson
et al. 1976) als konstruktgenerierende Elemente verwendet worden. In einer
originellen Studie zur Körperwahrnehmung von magersüchtigen Patientinnen
verwendete Feldman (1975) sogar Körperteile mehrerer Personen als Elemente.
Varianten des Untersuchungsansatzes
Es ist durchaus nicht zwingend, nur von einer einzigen Person Elemente und
Konstrukte zu gewinnen und in der geschilderten Weise auszuwerten. Vielfältige
Variationen des Vorgehens sind denkbar. Als Beispiel sei eine Untersuchung
von Gerlach (1988) zitiert, die Ehepaarbeziehungen in einer Weise
erforschte, die an Willis "gemeinsamen Rorschach-Versuch" (1968) erinnert.
Der erste Schritt wird mit beiden Partnern gemeinsam durchgeführt sie
müssen sich auf die (personalen) Elemente einigen. Die Gewinnung der
Konstrukte (zweiter Schritt) erfolgt in separaten Sitzungen, ebenso das Ausfüllen
des Grids, d. h. die Beurteilung der Elemente hinsichtlich der Konstrukte
(dritter Schritt).
Schon in der Versuchsdurchführung entsteht oft eine interessante
Dynamik des Aushandelns, in der sich mutmaßlich Aspekte der Beziehung
szenisch abbilden. Hier kann bereits eine Fülle von Informationen gewonnen
werden, die beispielsweise in einer Ehepaarpsychotherapie von größter
Bedeutung sein können. Und es spricht nichts dagegen, die Ergebnisse
mit den Klienten bzw. Patienten zu besprechen, weil auf diese Weise vieles
kommunizierbar wird, was sonst unter den Eskalationsprozessen einer Beziehungskrise
verschüttet bleibt.
Für die Auswertung und den Vergleich solcher Grids mit
identischen Elementen stehen Programmpakete zur Verfügung, die übrigens
auch bei Verlaufsuntersuchungen (z. B. bei Psychotherapiepatienten) angewandt
werden können (vgl. Beail 1985b; Winter 1985).
Bei der Untersuchung von Paaren oder auch Familien sind
verschiedene Formen von Empathie-Grids erprobt worden, in denen z. B. erhoben
wurde, wie der Partner nach Meinung der befragten Person Elemente in bezug
auf die Konstrukte der letzteren einschätzen würde (Procter 1985).
Exkurs: Andere Verfahren der Untersuchung von Konstrukten
Die Psychologie der persönlichen Konstrukte und das Vorgehen nach Art
der Repertory Grid-Technik sind im Bewußtsein der informierten Fachöffentlichkeit
sehr eng assoziiert. Es gibt jedoch auch Möglichkeiten, persönliche
Konstrukte ohne Grid-Technik zu untersuchen.
Als Beispiel sei eine Untersuchung von Schmitt (1988) zitiert:
Bei einem 12jährigen Patienten mit M. Crohn war eins
der zuvor per Repgrid-Technik gewonnenen Konstrukte: "Aufregung spielt keine
Rolle vs. Aufregung ist schlecht" (bezogen auf die Beschwerden). Dieses Konstrukt
wurde mit der Technik der Leiterbildung ("laddering" nach Hinkle 1965) genauer
untersucht. Der Patient wurde auf jeder Stufe der gedachten Konstruktleiter
gefragt: "Warum ist dir diese Eigenschaft / Verhaltensweise wichtig?", so
daß sich weitere Assoziationen und übergeordnete Bewertungsstrukturen
ergaben. Bei jedem neuen Konstrukt wurden die individuellen Gegensätze
und die eigene Zuordnung erfragt. Mit dieser Methode wurde erreicht, daß
der Patient ein eigenes, individuelles Ziel definierte, für das er sich
engagieren konnte.
Eine hierarchisch umgekehrt vorgehende Technik, die Pyramidierung
(Landfield 1971), fragt, "wie Leute aussehen, für die
diese Beschreibung zutrifft", mit der anschließenden Bildung des Kontrastpols
usw. Der Patient erkannte so sukzessive seine eigene Position in dem derart
skizzierten System. Schließlich ließ der Therapeut den Patienten
auch nonverbale Konstrukte bilden (in Gestalt von Zeichnungen), mit denen
er seine viszeralen Sensationen beschrieb. Ein solches war z. B. ein Konstrukt
"Streßmännchen vs. Ruhemännchen", das sich zusätzlich
noch durch verbale Assoziationen charakterisieren ließ.
Die angedeuteten Techniken können nützlich sein,
um - in enger Anlehnung an das Denken und Erleben des Patienten - persönliche
Bewertungskategorien für das Kranksein zu erarbeiten, was in diesem
Fall in eine spezifische Form des Streßbewältigungstrainings mündete.
Der spielerische und kreative Charakter des Vorgehens erhöht in solchen
Fällen zusätzlich die Motivation und die Bereitschaft von Patienten,
sich mit den psychosomatischen Hintergründen ihrer Erkrankung zu beschäftigen.
Testmethodische Aspekte
Als psychodiagnostisches Verfahren ähnelt die Repgrid-Technik einem
vom Probanden selbst konstruierten Fragebogen, der auf eine Reihe von Personen
angewandt wird, wobei die einzelnen Items dieses Fragebogens, eben die Konstrukte,
ihrerseits unter Berücksichtigung der zu beurteilenden Personen, der
Elemente, gewonnen werden. Nicht nur andere Personen (nämlich die Rollenträger)
sind Kristallisationskerne des Konstruktsystems, auch der Proband selbst.
Erkennbar sind technische Ähnlichkeiten z. B. mit Q-Sort-Verfahren oder
Prozeduren, wie sie etwa in der Gesprächspsychotherapie nach Rogers
verwendet werden, um Selbst-Ideal-Kongruenz zu erfassen. Kennzeichnend für
das Repgrid ist demgegenüber zum einen, daß der Proband seine
eigenen Konstrukte verwendet, zum anderen, daß auch seine wichtigen
Bezugspersonen systematisch mit berücksichtigt werden.
In anderer Hinsicht ist die Repgrid-Technik einem systematischen
Interview vergleichbar, bei dem nicht die Inhalte standardisiert sind, sondern
eine Strukturvorgabe gemacht wird (Wiedemann 1986)
Trotz der Bezeichnung Rep-Test ist die Grid-Technik kein Test
im Sinne der tradierten Testtheorie. Testgütekriterien wie Reliabilität
und Validität sind in der üblichen Weise nur eingeschränkt
anwendbar, da sie, an Kollektiven bestimmt, überindividuell einheitliche
"Testwerte" erfordern, die ein "idiographisches" Verfahren nicht von vornherein
liefert. Am ehesten sind derartige Kriterien für abgeleitete Parameter
oder Teilaspekte bestimmbar, etwa die Höhe der Konstruktbeziehungen,
Differenziertheit des Konstruktsystems, Zuordnung von Elementen zu Rollenbezeichnungen
in zeitlichem Abstand, Distanzen zwischen Elementen. In darauf bezüglichen
Studien werden Reliabilitäten berichtet, die in der Größenordnung
liegen, wie sie von technisch vergleichbaren Methoden (z. B. Persönlichkeitsfragebogen)
bekannt sind. Dabei gibt es individuell und stichprobenabhängig beträchtliche
Unterschiede, was darauf hinweist, daß Konstruktsysteme individuell
unterschiedlich stabil sein können. Detailliert wird diese Frage behandelt
von Fransella u. Bannister (1977), Bell (1990), Lohaus (im Druck).
Forschungsstrategische Überlegungen
Da grundsätzlich sehr viele Untersuchungsgegenstände zweidimensional
angeordnet werden können und die multivariaten Auswertungstechniken heute
griffig zur Verfügung stehen, liegt eine gewisse Versuchung darin, dies
auch ungehemmt zu tun und alles und jedes in ein Grid-Format zu pressen.
Um so wichtiger ist es, sich genau zu überlegen, was tatsächlich
der gegebene Anwendungsbereich erfordert. In erster Linie kommt es darauf
an, "das Thema" so zu konzeptualisieren, daß ein konstruktpsychologischer
Zugang möglich wird.
Wenn wir beispielsweise die psychosoziale Situation von Aids-Patienten
oder von Krebskranken untersuchen, müssen wir uns fragen: Geht es um
die Beziehungen zu anderen Menschen, geht es um Konstrukte hinsichtlich der
Auswirkungen der Erkrankung, um Ursachen- oder Schuldzuschreibungen, um Vorurteile,
um diskriminierende Praktiken, um das Erleben der tödlichen Bedrohung?
Welche Art von "Realität" ist Gegenstand des vermuteten
Konstruktionsprozesses? Was bedeutet "konstruieren" im gegebenen Zusammenhang?
Alle derartigen Fragestellungen erfordern eine jeweils andere kreative Nutzung
des methodischen Prinzips. Entsprechend werden die Leitlinien zur Auswahl
der Elemente und die Prozeduren zur Gewinnung der Konstrukte ausfallen. Es
ist dabei nicht erforderlich, das theoretische Gebäude der PCP uneingeschränkt
zu übernehmen, doch sollte vermieden werden, die Grid-Technik als bloße
Technik zur Ermittlung der Assoziation beliebiger Eigenschaften mit beliebigen
Objekten zu benutzen.
Weiterhin ist es notwendig, sich auch der Eigenschaften und
Voraussetzungen der zugrundeliegenden Auswertungsmethodik zu erinnern, z.
B. der Restriktionen, die mit der faktorenanalytischen Technik verbunden
sind, oder der notwendigen Entscheidungen, die einer Clusteranalyse vorausgehen,
etwa hinsichtlich der Metrik oder der Aggregationsregeln. Sonst besteht die
Gefahr, daß Anwender, die über keine psychologische Methodenausbildung
verfügen, z. B. das durch eine Hauptkomponentenanalyse gegebene zweidimensionale
graphische Bild hypostasieren und als direktes Abbild etwa der Elternbeziehungen
nehmen.
Dies ist allerdings ein Problem, das im Umgang mit psychologischen
Befunden jeder Art entstehen kann.
Erfreulicherweise besteht jedoch immer die Möglichkeit,
zur Überprüfung auf das Originalgrid zurückzugreifen; und
Auswertungsprozeduren, die diesem nahe bleiben, sind zweifellos gegenüber
stark abstrahierenden in vielen Fällen zu bevorzugen.
Für mich liegt die große Attraktivität dieser
Methode v. a. auch darin, daß der Proband ernster genommen wird, daß
er weniger bloßes Objekt einer Untersuchung ist als bei vielen anderen
Untersuchungsverfahren, daß er selbst aktiver beteiligt ist, daß
er nicht nur reaktiver Datenlieferant ist, sondern in gewisser Weise tatsächlich,
wie Kelly sagt, als Forscher gefragt ist.
Nach alledem sollte deutlich geworden sein, daß die
Repgrid-Technik nicht ein klar definierbarer Test ist, sondern eine ganze
Gruppe von Verfahren darstellt, ein methodisches Prinzip, einen heuristischen
Ansatz. Viele Fragen sind noch offen, auch hinsichtlich bestimmter methodischer,
und das heißt auch psychometrischer Eigenschaften. Ein intensiverer
Austausch mit anderen Schulen oder theoretischen Konzeptionen ist daher wünschenswert.
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