Hintergrund
Die meisten Leser dürften mit der Psychologie der Persönlichen
Konstrukte vertraut sein. Einige werden jedoch eine kurze Einführung
in den theoretischen Hintergrund der in diesem Buch versammelten Beiträge
begrüßen. Sie kann deshalb kurz sein, weil eine Reihe von Einführungstexten
in den wichtigeren europäischen Sprachen vorliegt. In englischer Sprache
sind dies u. a. Bannister und Fransella (1986), Burr und Butt (1992) und Landfield
und Epting (1987), auf italienisch Mancini und Semerari (1985), und auf deutsch
Scheer und Catina (1993).
Selbst in den Vereinigten Staaten ist die Psychologie der
Persönlichen Konstrukte nicht als Bestandteil des psychologischen Mainstream
anzusehen. Einer der Gründe dafür ist, daß Kelly seine Theorie
in scharfer Abgrenzung zu den herrschenden psychologischen Denkrichtungen
seiner Zeit entwickelte, der behavioristischen Psychologie und der Psychoanalyse.
Und um seine neuen Ideen zu vermitteln, entschloß er sich, eine neuartige
Sprache zu benutzen, erfand neue Begriffe oder definierte alte neu - in einer
in der akademischen Psychologie unüblichen Weise. Doch es ist heute
noch eine erfrischende Erfahrung, insbesondere die ersten drei Kapitel seines
Hauptwerks zu lesen (Kelly 1955) - übrigens die einzigen ins Deutsche
übersetzten Teile seines Werks -, in denen er erörtert, was eine
gute Theorie ausmacht, und darlegt, wie die Personal Construct-Theorie als
übergreifende Theorie fungieren kann, die eine Vielzahl psychologischer
Phänomene einbezieht.
Ein weiterer Aspekt betrifft den Inhalt der Theorie. Aus der
Sicht einer "nomothetischen", vorgeblich experimentellen Verhaltenspsychologie
ist Kelly´s Ansatz in provozierender Weise subjektivistisch. Psychodynamisch
orientierte Psychologen mögen seine Theorie - zu Unrecht - zu kognitivistisch
finden und das Fehlen einer wirklich entwicklungspsychologischen Perspektive
kritisieren.
Allerdings scheint Kellys Theorie nach der "kognitiven Wende"
in der Psychologie "moderner" denn je. Nachdem andererseits die relativistischen
Trends eines Konstruktivismus, insbesondere in seiner "radikalen" Variante,
an Popularität gewonnen haben, findet Kellys Bestehen auf empirischer
Evidenz (Validierung in seinen Worten) zunehmend Interesse bei Forschern und
Praktikern, die die Notwendigkeit einer empirischen Bestätigung ihrer
eigenen Konzepte sehen.
Die Theorie der Persönlichen Konstrukte
Antizipation - Erwartung
Platzmangel erlaubt nur eine sehr kurze Übersicht über die grundlegenden
Konzepte der Theorie. Vielleicht das wichtigste ist das der Antizipation.
Genau wie ein Wissenschaftler durch seine Vorhersagen (Hypothesen) eine bessere
Kontrolle der Realität anstrebt, so versucht jede/r Einzelne den Verlauf
der Ereignisse in ihrem/seinem Leben vorherzusehen und ihre Folgen zu kontrollieren.
Jede/r von uns hat explizite oder implizite "Theorien" über die Welt,
die uns umgibt (einschließlich der Personen, die wichtig für uns
sind), entwickelt Hypothesen und prüft sie an der "Realität", in
einem fast experimentellen, in jedem Falle aber empirischen Vorgehen. Daher
ist der "Mensch als Wissenschaftler" die zentrale Metapher der Kellyschen
Theorie. Wir antizipieren Ereignisse und Erlebnisse, wir "konstruieren" unsere
Realität, und wir finden unsere Konstruktion schließlich "validiert"
- bestätigt - oder "invalidiert", und dementsprechend behalten wir sie
bei, oder wir verändern sie.
Das "Grundpostulat" der Personal Construct-Theorie lautet
daher: Die psychischen Prozesse einer Person werden durch ihre Art, Ereignisse
zu antizipieren, geregelt.
In mehreren "Korollarien" ("Hilfssätzen") oder Zusatzannahmen
präzisiert Kelly diesen Grundgedanken im Hinblick auf Konstrukte und
Konstruktsysteme.
Konstrukte
Konstrukte sind nicht einfach - wie in der üblichen psychologischen
Terminologie - theoretische Begriffe im Gegensatz zu beobachtbaren Variablen.
Oberflächlich gesehen, ist ein Konstrukt ein verbales Etikett, aber dieses
Etikett repräsentiert eine begriffliche Unterscheidung, die ein Individuum
vornimmt. Wir sind es gewohnt, in Kontrasten zu denken (daher der Dichotomie-Satz):
Der Begriff "groß" exisitiert nicht ohne ein Vorstellung von "klein".
Es ist wichtig zu bedenken, daß Konstrukte nicht nur
Namen sind, nicht nur Begriffe, Einstellungen oder Überzeugungen. Konstrukte
erfüllen eine Funktion für das jeweilige Individuum. Sie dienen
als Werkzeuge zur Replikation von Ereignissen in unserer Vorstellung, zur
Erschaffung unserer Welt durch ihre ständige Bestätigung oder Verwerfung,
und so zur "Konstruktion der Realität" (dies ist der Inhalt des Konstruktions-Satzes).
Konstrukte sind in oft hierarchisch angelegten Strukturen organisiert, es
gibt übergordnete Konstrukte, Kern-Konstrukte, periphere Konstrukte,
je nach ihrer Bedeutung für das Leben des Einzelnen (der Organisations-Satz).
Wir haben unterschiedliche Konstruktsysteme für verschiedene Bereiche
und Gebiete, die sogar partiell unvereinbar oder zumindest widersprüchlich
sein können, wenn sie zur gleichen Zeiut angesprochen sind (der Fragmentierungs-Satz).
Grundsätzlich sind Konstrukte durch Erfahrung bedingt und veränderbar
(der Erfahrungs-Satz). Ein Mensch entscheidet sich, welche Alternative
eines Konstruktes für ihn wichtig ist, er ordnet sich einem Konstruktpol
zu; er "wählt" diesen Konstruktpol, wenn er sich davon eine Erweiterung
oder eine Präzisierung seines Konstruktsystems erwartet (der Wahl-Satz).
Konstrukte sind kennzeichnend für Individuen, daher "persönlich"
(der Individualitäts-Satz). In gewissem Ausmaß ähneln
sich allerdings die Konstruktionsweisen von Individuen (der Ähnlichkeits-Satz,
das commonality corollary), und selbst wenn sie verschieden sind -
wir müssen die Konstruktionsweisen von anderen verstehen können
("die Konstruktionen eines/einer anderen konstruieren können"), um in
einer Gesellschaft leben und zwischenmenschliche Beziehungen unterhalten zu
können (der Sozialitäts-Satz). Jedes Konstrukt hat einen
begrenzten Anwendungsbereich (range of convenience), und für einen
noch engeren Bereich paßt es am besten (focus of convenience)
(der Bereichs-Satz). Dadurch ist auch die Veränderbarkeit von
Konstrukten begrenzt (d. h. die Fähigkeit des Individuums, zu lernen
und sich neu zu orientieren); Konstrukte können in unterschiedlichem
Maße in der Lage sein, neu auftretende Ereignisse in ihren Anwendungsbereich
einzubeziehen (der Modulations-Satz). Kern-Konstrukte bestimmen die
Persönlichkeit eines Individuums aus, sie ermöglichen ihm, seine
Identität zu bewahren. Sie sind anderen Konstrukten übergeordnet,
haben einen weiteren Anwendungsbereich. Wenn sie in Frage gestellt werden
und verändert werden müssen, wird dies als äußerst belastend
erlebt.
Im Mittelpunkt des theoretischen und praktischen Interesses
der Psychologie der Persönlichen Konstrukte steht die Analyse der Konstruktsysteme,
die ein/e Einzelne/r benutzt, um die sie/ihn umgebende Welt zu analysieren,
zu verstehen, zu strukturieren und umzugestalten. Man könnte sagen, daß
Konstrukte im Sinne von Piaget sowohl Assimilations- als auch Akkommodationsprozessen
dienen. Kelly betont, daß in den Konstrukten Emotionen und Kognitionen
in untrennbarer Weise verbunden sind, so daß es nicht viel Sinn ergibt,
diese zu trennen und ihnen verschiedene Teilgebiete der Psychologie zuzuordnen.
Repertory Grid-Technik
Kellys Theorie wäre vermutlich weniger bekannt und weniger einflußreich,
hätte er nicht eine einfallsreiche Methode zur Erkundung von Konstrukten
und Konstruktsystemen erfunden: die Repertory Grid-Technik. Diese ist eine
Art Test, den der "Proband" unter Anleitung eines Psychologen selbst entwickelt.
In der im folgenden beschriebenen Weise definiert die Person zunächst
selbst den Anwendungsbereich des Testes (die "Elemente"), entwickelt dann
die Items ("Konstrukte"), und füllt schließlich das Gitter ("Grid")
aus, das durch die beiden Dimensionen Elemente und Konstrukte definiert ist.
In Kellys Originalversion (dem Role Repertory Test), waren die berühmten
"significant others", wichtige Bezugspersonen, die Elemente. Er ließ
die Probanden den vorgegebenen "Rollentiteln" (z. B. "Vater" oder "Lieblingslehrer")
reale Personen zuordnen. Dann wurden mehrfach jeweils drei Elemente verglichen
("Sagen Sie mir bitte, ob es eine Art und Weise gibt, in der sich zwei von
diesen dreien - Sie selbst, Ihr Vater und Tante Nora - ähnlich sind
und sich von der dritten Person unterscheiden?"). Auf diese Weise entstand
eine Liste von zweipoligen Konstrukten. Schließlich mußte sich
die befragte Person noch entscheiden, welche Seite (welcher Pol) jeden Konstruktes
für jede Person (jedes Element) in der Liste am ehesten zutraf. Das
Ergebnis war eine Matrix (ein "Grid") mit Kreuzen oder Leerstellen, das als
Repräsentanz des Konstruktsystems hinsichtlich der beteiligten Elemente
galt. Heute wird meist ein abgestuftes Rating (z. B. auf einer 6-Punkte-Skala)
verwendet, um die Elemente hinsichtlich der Konstrukte einschätzen zu
lassen.
Es ist ersichtlich, daß die so gewonnenen Information
hochgradig individuell ist, weshalb die Technik auch als "idiographisch"
bezeichnet wird. Andererseits ist das Vorgehen mehr oder weniger standardisiert,
was ein wichtiges Merkmal der in der "nomothetischen" Psychologie verwendeten
Verfahren ist. Und so "persönlich" Konstrukte auch sein mögen, bestimmte
Eigenschaften der Konstrukt-Systeme können unabhängig von
ihrem Inhalt identifiziert und mit denen von anderen Personen verglichen
werden.
Variationen
Das oben beschriebene Verfahren ist auch heute noch das Standardverfahren
der Repgrid-Erhebung. Doch hat man bei der Erforschung von Konstruktsystemen
eine gewaltige Menge von Bereichen erkundet - schließlich haben wir
Konstruktsysteme für praktisch alle Bereiche des Lebens (und des Sterbens).
Tatsächlich sind in der Repertory Grid-Forschung so unterschiedliche
Elemente wie Bezugspersonen, Todessituationen und Britische Seebäder
verwendet worden. Und die Techniken der Konstrukterhebung und der Elementeinschätzung
wurden ebenfalls variiert.
Die wichtigste, geradezu revolutionäre Weiterentwicklung
war jedoch die Anwendung mathematischer Analyseverfahren (Hauptkomponentenanalysen
und Clusteranalysen) auf Repertory Grid-Daten unter Verwendung von Personal
Computern.
Man kann daraus ersehen, daß sich die Repertory Grid-Technik
als Methode der Datengewinnung für die unterschiedlichsten Anwendungsbereiche
eignet. Und sie kann auch von Forschern und Praktikern verwendet werden, die
nicht die theoretischen Grundannahmen der Personal Construct-Theorie teilen.
Viele von ihnen interessieren sich mehr für die Beziehungen zwischen
Elementen - z. B. für die Beziehung zwischen dem Selbst und den Eltern,
ausgedrückt in quasi-Euklidischen Distanzen, die "Objektbeziehungen"
im psychoanalytischen Sinne repräsentieren sollen.
Andere Verfahren der Konstrukterhebung
Es ist die Ansicht geäußert worden, daß die Erhebung eines
Repertory Grids einem halbstandisierten Interview vergleichbar ist, bei dem
das Verfahren standardisiert ist, nicht der Inhalt. So ist es nicht überraschend,
daß auch andere Methdoden der Konstruktgewinnung entwickelt wurden.
Unter diesen finden sich die "Leiterbildung" und die "Pyramidenbildung",
die den Probanden veranlassen, die Implikationen zu erkunden, die ein bestimmtes
Konstrukt (und seine beiden Pole) für die betreffende Person haben.
Auf diese Weise können hierarchische Beziehungen zwischen Konstrukten
besser analysiert werden als mit einem Repertory Grid. Ein verwandtes Verfahren
ist die ABC-Technik, die nach den Vorteilen und Nachteilen der entgegengesetzten
Pole eines bestimmten Konstruktes für die Person fragt.
Kontroversen
Wie andere Theorien hat auch die Personal Construct-Theorie ein "Leben",
eine Art von Entwicklung in Stadien, wie sie R. Neimeyer (1985) beschrieben
hat. Die Beliebtheit der Repertory Grid-Technik hat auch Personen mit einem
anderen theoretischen Hintergrund angezogen. Einige Personal Construct-Psychologen
sind der Meinung, daß es an der Zeit ist, theoretische Orientierungen
im Lichte der Entwicklung in anderen Disziplinen wie etwa der Kognitiven Psychologie
neu zu betrachten. Die Tatsache, daß die Personal Construct-Theorie
neben andere Theorien gesetzt werden kann - und dies ist auch erfolgt, mit
dem Gedanken an Annäherung, Verknüpfung und sogar Verschmelzung
im Sinn -, hat einige der führenden Personal Construct-Theoretiker mit
Sorge erfüllt. Auf der anderen Seite hält es z. B. die Australasische
Personal Construct-Gruppe (welche die Arbeitsgruppen in Australien und Neuseeland
umfaßt) es für angebracht, sich im Jahre 1996 unter dem Motto
"Zerbrechen wir die Orthodoxien in der Personal Construct-Psychologie" zu
einem Kongreß zu treffen - durchaus amüsant angesichts Kellys Beharren
auf dem nur begrenzten "Anwendungsbereich" der Theorie selbst und seiner
Überzeugung, daß irgendwann in der Zukunft die Theorie im Laufe
der Zeit "invalidiert" werden würde. Allerdings dachte er vermutlich
nicht daran, daß schon nach 40 Jahren die Zeit hierfür gekommen
sein würde.
Literatur
Bannister, D., Fransella, F. (1986). Inquiring Man (3rd edition). London:
Routledge.
Burr, V., Butt, T. (1992). Invitation to Personal Construct
Psychology. London: Whurr.
Kelly, G.A. (1955). The psychology of personal constructs.
Vols. 1 and 2. New York: Norton (2nd printing: 1991, London: Routledge).
Landfield, A., Epting, F. (1987). Personal construct psychology:
clinical and personality assessment. New York: Human Sciences Press.
Mancini, F., Semerari, A. (1985). La psicologia dei costrutti
personali: saggi sulla teoria di G. A. Kelly. Milano: Franco Angeli Libri.
Neimeyer, R. A. (1985). The development of Personal Construct
Psychology. Lincoln, Nebraska: The University of Nebraska Press.
Scheer, J.W., Catina, A. (Hrsg.) (1993). Einführung in
die Repertory Grid-Technik, Bd. 1 und 2. Bern: Huber.
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