EINE KURZE EINFÜHRUNG IN DIE PSYCHOLOGIE DER PERSÖNLICHEN KONSTRUKTE

Jörn W. Scheer


[Die folgende Einführung ist eine Übersetzung von: J. W. Scheer (1996). A short introduction to Personal Construct Psychology. In: J. W. Scheer & A. Catina (Eds.). Empirical Constructivism in Europe - The Personal Construct Approach. Giessen: Psychosozial Verlag, pp. 13-17.]


Hintergrund

Die meisten Leser dürften mit der Psychologie der Persönlichen Konstrukte vertraut sein. Einige werden jedoch eine kurze Einführung in den theoretischen Hintergrund der in diesem Buch versammelten Beiträge begrüßen. Sie kann deshalb kurz sein, weil eine Reihe von Einführungstexten in den wichtigeren europäischen Sprachen vorliegt. In englischer Sprache sind dies u. a. Bannister und Fransella (1986), Burr und Butt (1992) und Landfield und Epting (1987), auf italienisch Mancini und Semerari (1985), und auf deutsch Scheer und Catina (1993).

Selbst in den Vereinigten Staaten ist die Psychologie der Persönlichen Konstrukte nicht als Bestandteil des psychologischen Mainstream anzusehen. Einer der Gründe dafür ist, daß Kelly seine Theorie in scharfer Abgrenzung zu den herrschenden psychologischen Denkrichtungen seiner Zeit entwickelte, der behavioristischen Psychologie und der Psychoanalyse. Und um seine neuen Ideen zu vermitteln, entschloß er sich, eine neuartige Sprache zu benutzen, erfand neue Begriffe oder definierte alte neu - in einer in der akademischen Psychologie unüblichen Weise. Doch es ist heute noch eine erfrischende Erfahrung, insbesondere die ersten drei Kapitel seines Hauptwerks zu lesen (Kelly 1955) - übrigens die einzigen ins Deutsche übersetzten Teile seines Werks -, in denen er erörtert, was eine gute Theorie ausmacht, und darlegt, wie die Personal Construct-Theorie als übergreifende Theorie fungieren kann, die eine Vielzahl psychologischer Phänomene einbezieht.

Ein weiterer Aspekt betrifft den Inhalt der Theorie. Aus der Sicht einer "nomothetischen", vorgeblich experimentellen Verhaltenspsychologie ist Kelly´s Ansatz in provozierender Weise subjektivistisch. Psychodynamisch orientierte Psychologen mögen seine Theorie - zu Unrecht - zu kognitivistisch finden und das Fehlen einer wirklich entwicklungspsychologischen Perspektive kritisieren.

Allerdings scheint Kellys Theorie nach der "kognitiven Wende" in der Psychologie "moderner" denn je. Nachdem andererseits die relativistischen Trends eines Konstruktivismus, insbesondere in seiner "radikalen" Variante, an Popularität gewonnen haben, findet Kellys Bestehen auf empirischer Evidenz (Validierung in seinen Worten) zunehmend Interesse bei Forschern und Praktikern, die die Notwendigkeit einer empirischen Bestätigung ihrer eigenen Konzepte sehen.

Die Theorie der Persönlichen Konstrukte

Antizipation - Erwartung

Platzmangel erlaubt nur eine sehr kurze Übersicht über die grundlegenden Konzepte der Theorie. Vielleicht das wichtigste ist das der Antizipation. Genau wie ein Wissenschaftler durch seine Vorhersagen (Hypothesen) eine bessere Kontrolle der Realität anstrebt, so versucht jede/r Einzelne den Verlauf der Ereignisse in ihrem/seinem Leben vorherzusehen und ihre Folgen zu kontrollieren. Jede/r von uns hat explizite oder implizite "Theorien" über die Welt, die uns umgibt (einschließlich der Personen, die wichtig für uns sind), entwickelt Hypothesen und prüft sie an der "Realität", in einem fast experimentellen, in jedem Falle aber empirischen Vorgehen. Daher ist der "Mensch als Wissenschaftler" die zentrale Metapher der Kellyschen Theorie. Wir antizipieren Ereignisse und Erlebnisse, wir "konstruieren" unsere Realität, und wir finden unsere Konstruktion schließlich "validiert" - bestätigt - oder "invalidiert", und dementsprechend behalten wir sie bei, oder wir verändern sie.

Das "Grundpostulat" der Personal Construct-Theorie lautet daher: Die psychischen Prozesse einer Person werden durch ihre Art, Ereignisse zu antizipieren, geregelt.

In mehreren "Korollarien" ("Hilfssätzen") oder Zusatzannahmen präzisiert Kelly diesen Grundgedanken im Hinblick auf Konstrukte und Konstruktsysteme.

Konstrukte

Konstrukte sind nicht einfach - wie in der üblichen psychologischen Terminologie - theoretische Begriffe im Gegensatz zu beobachtbaren Variablen. Oberflächlich gesehen, ist ein Konstrukt ein verbales Etikett, aber dieses Etikett repräsentiert eine begriffliche Unterscheidung, die ein Individuum vornimmt. Wir sind es gewohnt, in Kontrasten zu denken (daher der Dichotomie-Satz): Der Begriff "groß" exisitiert nicht ohne ein Vorstellung von "klein".

Es ist wichtig zu bedenken, daß Konstrukte nicht nur Namen sind, nicht nur Begriffe, Einstellungen oder Überzeugungen. Konstrukte erfüllen eine Funktion für das jeweilige Individuum. Sie dienen als Werkzeuge zur Replikation von Ereignissen in unserer Vorstellung, zur Erschaffung unserer Welt durch ihre ständige Bestätigung oder Verwerfung, und so zur "Konstruktion der Realität" (dies ist der Inhalt des Konstruktions-Satzes). Konstrukte sind in oft hierarchisch angelegten Strukturen organisiert, es gibt übergordnete Konstrukte, Kern-Konstrukte, periphere Konstrukte, je nach ihrer Bedeutung für das Leben des Einzelnen (der Organisations-Satz). Wir haben unterschiedliche Konstruktsysteme für verschiedene Bereiche und Gebiete, die sogar partiell unvereinbar oder zumindest widersprüchlich sein können, wenn sie zur gleichen Zeiut angesprochen sind (der Fragmentierungs-Satz). Grundsätzlich sind Konstrukte durch Erfahrung bedingt und veränderbar (der Erfahrungs-Satz). Ein Mensch entscheidet sich, welche Alternative eines Konstruktes für ihn wichtig ist, er ordnet sich einem Konstruktpol zu; er "wählt" diesen Konstruktpol, wenn er sich davon eine Erweiterung oder eine Präzisierung seines Konstruktsystems erwartet (der Wahl-Satz). Konstrukte sind kennzeichnend für Individuen, daher "persönlich" (der Individualitäts-Satz). In gewissem Ausmaß ähneln sich allerdings die Konstruktionsweisen von Individuen (der Ähnlichkeits-Satz, das commonality corollary), und selbst wenn sie verschieden sind - wir müssen die Konstruktionsweisen von anderen verstehen können ("die Konstruktionen eines/einer anderen konstruieren können"), um in einer Gesellschaft leben und zwischenmenschliche Beziehungen unterhalten zu können (der Sozialitäts-Satz). Jedes Konstrukt hat einen begrenzten Anwendungsbereich (range of convenience), und für einen noch engeren Bereich paßt es am besten (focus of convenience) (der Bereichs-Satz). Dadurch ist auch die Veränderbarkeit von Konstrukten begrenzt (d. h. die Fähigkeit des Individuums, zu lernen und sich neu zu orientieren); Konstrukte können in unterschiedlichem Maße in der Lage sein, neu auftretende Ereignisse in ihren Anwendungsbereich einzubeziehen (der Modulations-Satz). Kern-Konstrukte bestimmen die Persönlichkeit eines Individuums aus, sie ermöglichen ihm, seine Identität zu bewahren. Sie sind anderen Konstrukten übergeordnet, haben einen weiteren Anwendungsbereich. Wenn sie in Frage gestellt werden und verändert werden müssen, wird dies als äußerst belastend erlebt.

Im Mittelpunkt des theoretischen und praktischen Interesses der Psychologie der Persönlichen Konstrukte steht die Analyse der Konstruktsysteme, die ein/e Einzelne/r benutzt, um die sie/ihn umgebende Welt zu analysieren, zu verstehen, zu strukturieren und umzugestalten. Man könnte sagen, daß Konstrukte im Sinne von Piaget sowohl Assimilations- als auch Akkommodationsprozessen dienen. Kelly betont, daß in den Konstrukten Emotionen und Kognitionen in untrennbarer Weise verbunden sind, so daß es nicht viel Sinn ergibt, diese zu trennen und ihnen verschiedene Teilgebiete der Psychologie zuzuordnen.

Repertory Grid-Technik

Kellys Theorie wäre vermutlich weniger bekannt und weniger einflußreich, hätte er nicht eine einfallsreiche Methode zur Erkundung von Konstrukten und Konstruktsystemen erfunden: die Repertory Grid-Technik. Diese ist eine Art Test, den der "Proband" unter Anleitung eines Psychologen selbst entwickelt. In der im folgenden beschriebenen Weise definiert die Person zunächst selbst den Anwendungsbereich des Testes (die "Elemente"), entwickelt dann die Items ("Konstrukte"), und füllt schließlich das Gitter ("Grid") aus, das durch die beiden Dimensionen Elemente und Konstrukte definiert ist. In Kellys Originalversion (dem Role Repertory Test), waren die berühmten "significant others", wichtige Bezugspersonen, die Elemente. Er ließ die Probanden den vorgegebenen "Rollentiteln" (z. B. "Vater" oder "Lieblingslehrer") reale Personen zuordnen. Dann wurden mehrfach jeweils drei Elemente verglichen ("Sagen Sie mir bitte, ob es eine Art und Weise gibt, in der sich zwei von diesen dreien - Sie selbst, Ihr Vater und Tante Nora - ähnlich sind und sich von der dritten Person unterscheiden?"). Auf diese Weise entstand eine Liste von zweipoligen Konstrukten. Schließlich mußte sich die befragte Person noch entscheiden, welche Seite (welcher Pol) jeden Konstruktes für jede Person (jedes Element) in der Liste am ehesten zutraf. Das Ergebnis war eine Matrix (ein "Grid") mit Kreuzen oder Leerstellen, das als Repräsentanz des Konstruktsystems hinsichtlich der beteiligten Elemente galt. Heute wird meist ein abgestuftes Rating (z. B. auf einer 6-Punkte-Skala) verwendet, um die Elemente hinsichtlich der Konstrukte einschätzen zu lassen.

Es ist ersichtlich, daß die so gewonnenen Information hochgradig individuell ist, weshalb die Technik auch als "idiographisch" bezeichnet wird. Andererseits ist das Vorgehen mehr oder weniger standardisiert, was ein wichtiges Merkmal der in der "nomothetischen" Psychologie verwendeten Verfahren ist. Und so "persönlich" Konstrukte auch sein mögen, bestimmte Eigenschaften der Konstrukt-Systeme können unabhängig von ihrem Inhalt identifiziert und mit denen von anderen Personen verglichen werden.

Variationen

Das oben beschriebene Verfahren ist auch heute noch das Standardverfahren der Repgrid-Erhebung. Doch hat man bei der Erforschung von Konstruktsystemen eine gewaltige Menge von Bereichen erkundet - schließlich haben wir Konstruktsysteme für praktisch alle Bereiche des Lebens (und des Sterbens). Tatsächlich sind in der Repertory Grid-Forschung so unterschiedliche Elemente wie Bezugspersonen, Todessituationen und Britische Seebäder verwendet worden. Und die Techniken der Konstrukterhebung und der Elementeinschätzung wurden ebenfalls variiert.

Die wichtigste, geradezu revolutionäre Weiterentwicklung war jedoch die Anwendung mathematischer Analyseverfahren (Hauptkomponentenanalysen und Clusteranalysen) auf Repertory Grid-Daten unter Verwendung von Personal Computern.

Man kann daraus ersehen, daß sich die Repertory Grid-Technik als Methode der Datengewinnung für die unterschiedlichsten Anwendungsbereiche eignet. Und sie kann auch von Forschern und Praktikern verwendet werden, die nicht die theoretischen Grundannahmen der Personal Construct-Theorie teilen. Viele von ihnen interessieren sich mehr für die Beziehungen zwischen Elementen - z. B. für die Beziehung zwischen dem Selbst und den Eltern, ausgedrückt in quasi-Euklidischen Distanzen, die "Objektbeziehungen" im psychoanalytischen Sinne repräsentieren sollen.

Andere Verfahren der Konstrukterhebung

Es ist die Ansicht geäußert worden, daß die Erhebung eines Repertory Grids einem halbstandisierten Interview vergleichbar ist, bei dem das Verfahren standardisiert ist, nicht der Inhalt. So ist es nicht überraschend, daß auch andere Methdoden der Konstruktgewinnung entwickelt wurden. Unter diesen finden sich die "Leiterbildung" und die "Pyramidenbildung", die den Probanden veranlassen, die Implikationen zu erkunden, die ein bestimmtes Konstrukt (und seine beiden Pole) für die betreffende Person haben. Auf diese Weise können hierarchische Beziehungen zwischen Konstrukten besser analysiert werden als mit einem Repertory Grid. Ein verwandtes Verfahren ist die ABC-Technik, die nach den Vorteilen und Nachteilen der entgegengesetzten Pole eines bestimmten Konstruktes für die Person fragt.

Kontroversen

Wie andere Theorien hat auch die Personal Construct-Theorie ein "Leben", eine Art von Entwicklung in Stadien, wie sie R. Neimeyer (1985) beschrieben hat. Die Beliebtheit der Repertory Grid-Technik hat auch Personen mit einem anderen theoretischen Hintergrund angezogen. Einige Personal Construct-Psychologen sind der Meinung, daß es an der Zeit ist, theoretische Orientierungen im Lichte der Entwicklung in anderen Disziplinen wie etwa der Kognitiven Psychologie neu zu betrachten. Die Tatsache, daß die Personal Construct-Theorie neben andere Theorien gesetzt werden kann - und dies ist auch erfolgt, mit dem Gedanken an Annäherung, Verknüpfung und sogar Verschmelzung im Sinn -, hat einige der führenden Personal Construct-Theoretiker mit Sorge erfüllt. Auf der anderen Seite hält es z. B. die Australasische Personal Construct-Gruppe (welche die Arbeitsgruppen in Australien und Neuseeland umfaßt) es für angebracht, sich im Jahre 1996 unter dem Motto "Zerbrechen wir die Orthodoxien in der Personal Construct-Psychologie" zu einem Kongreß zu treffen - durchaus amüsant angesichts Kellys Beharren auf dem nur begrenzten "Anwendungsbereich" der Theorie selbst und seiner Überzeugung, daß irgendwann in der Zukunft die Theorie im Laufe der Zeit "invalidiert" werden würde. Allerdings dachte er vermutlich nicht daran, daß schon nach 40 Jahren die Zeit hierfür gekommen sein würde.

Literatur

Bannister, D., Fransella, F. (1986). Inquiring Man (3rd edition). London: Routledge.

Burr, V., Butt, T. (1992). Invitation to Personal Construct Psychology. London: Whurr.

Kelly, G.A. (1955). The psychology of personal constructs. Vols. 1 and 2. New York: Norton (2nd printing: 1991, London: Routledge).

Landfield, A., Epting, F. (1987). Personal construct psychology: clinical and personality assessment. New York: Human Sciences Press.

Mancini, F., Semerari, A. (1985). La psicologia dei costrutti personali: saggi sulla teoria di G. A. Kelly. Milano: Franco Angeli Libri.

Neimeyer, R. A. (1985). The development of Personal Construct Psychology. Lincoln, Nebraska: The University of Nebraska Press.

Scheer, J.W., Catina, A. (Hrsg.) (1993). Einführung in die Repertory Grid-Technik, Bd. 1 und 2. Bern: Huber.


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