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DIE PSYCHOLOGIE
DER PERSÖNLICHEN KONSTRUKTE



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 In Memoriam



Regina Woidera (1953 - 1994)

Regina Woidera ist tot.

Regina Woidera hat Medizin und Biologie studiert und viele Jahre lang in der Psychosomatischen Universitätsklinik in Gießen gearbeitet. Zuletzt war sie als Psychoanalytikerin in eigener Praxis tätig. Nachdem sie über "Bedingungen psychischer und körperlicher Befindlichkeit bei Patienten vor und nach Operationen am offenen Herzen" promoviert hatte, galt ihre wissenschaftliche Arbeit vor allem der Erforschung der stationären Psychotherapie in psychoanalytischer Perspektive, insbesondere bei eßgestörten Patient/inn/en. Dies war auch das Thema ihres nun unvollendet bleibenden Habilitationsvorhabens. Die Repertory Grid-Technik hat sie vor allem als Verfahren zur Untersuchung von Objektbeziehungen interessiert.

Regina Woidera hat seit 1989 an den Treffen der APPK teilgenommen und ihre Forschungsergebnisse - außer auf psychosomatischen und psychoanalytischen Fachtagungen - auch beim 9. International Congress of Personal Construct Psychology in Albany 1991 und bei der 1. European Conference der European Personal Construct Association (EPCA) in York 1992 vorgetragen.

Am 25. Oktober 1994 starb Regina Woidera völlig unerwartet an den Folgen einer Gehirnblutung. Sie wurde 41 Jahre alt.

Jörn Scheer, im Dezember 1994

PPK-Magazin 21 (4/1994) 


 

Arne Raeithel (1943 - 1996)

Zum zweiten Mal nach dem frühen Tod von Regina Woidera wurde die deutsche Personal Construct-Gemeinde von einem schmerzlichen Verlust betroffen. Arne Raeithel starb am 1. Dezember völlig unerwartet innerhalb weniger Stunden an den Folgen einer Gehirnblutung. Er  wurde nur 53 Jahre alt. Wir trauern mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen.

Arne Raeithel gehörte zu den Gründungsmitgliedern der deutschen Personal Construct Arbeitsgruppe: er nahm an dem historischen Treffen in Marburg teil, bei dem 1984 die „German Grid Gang“ oder auch GGG aus der Taufe gehoben wurde, die heute DPPK heißt. In München geboren, studierte Arne dort und in Bielefeld Psychologie und arbeitete danach an den Universitäten in Berlin und seit 1986 in Hamburg, wo er sich auch habilitierte. Als akademischer Lehrer hat er viele Schüler und Schülerinnen an die Psychologie der Persönlichen Konstrukte herangeführt, von denen eine ganze Reihe heute noch in diesem Bereich engagiert ist.

Wohl wenige sind, zumindest in Deutschland, ähnlich tief in die wissenschaftstheoretischen und mathematischen Grundlagen der  Personal Construct-Psychologie und der Grid-Analyse einge-drungen wie Arne Raeithel. Er entwickelte sein eigenes Verfahren der Eigenstruktur-Analyse (ESA) und der Eigen-Prozeßanalyse (EPA) oder Vektorbalance, sowie das Grid-Auswertungspaket GridStack auf Macintosh-Basis. Ana Catina und ich schätzten uns glücklich, daß wir Arne für die Kapitel über die Auswertung von Repertory Grids und, zusammen mit Ulrike Willutzki, über Grid-Software in unserer „Einführung in die Repertory Grid-Technik“ gewinnen konnten. Seine konstruktivistischen Überlegungen zum diagnostischen Prozeß in der Psychologie hat er unter dem Titel „Kooperative Modellproduktion von Professionellen und Klienten“ zuerst in den APPK-Mitteilungen (die heute PPK-Magazin heißen) veröffentlicht: in den Heften 4/1993 sowie 1 und 3/1994. In neuerer Zeit beschäftigte Arne sich verstärkt mit „konnektionistischen“ Ansätzen, in denen er interessante Bezüge zur Kellyschen Psychologie sah. Sein Interesse hat jedoch immer auch praxisbezogenen Projekten gegolten, von der Analyse von Interaktionsstrukturen im Krankenhaus bis zum Selbstverständnis von HIV-Patienten. 

Arnes Interessen waren ungewöhnlich weitgefächert; sie schlossen auch politisches Engagement ein, das in den 70er Jahren kulminierte. Daß die deutsche Universität es nicht verstanden hat, sich die Kreativität und die konstruktive Potenz eines Wissenschaftlers vom Range Arne Raeithels dauerhaft zu sichern, gereicht ihr mehr zum Schaden als letztlich Arne selbst. Er befand sich in dieser Hinsicht in guter Gesellschaft, und es war erfrischend zu hören, wie er es - gut Kellianisch - vorzog, sich nicht als „arbeitslos“ sondern als „freiberuflich“ zu definieren, um nicht zu sagen: zu konstruieren. Und in der Tat war er zuletzt auch im Bereich der Unternehmensberatung und Personalentwicklung erfolgreich tätig, wo er die Psychologie der Persönlichen Konstrukte und sein eigenes Grid-Analyse-Paket nutzbringend einsetzen konnte.

Eine kleine, in Entwicklung begriffene wissenschaftliche „Gemeinde“ wie die Personal Construct-Gruppe trifft der Verlust einer Leitfigur wie Arne Raeithel härter als lange etablierte Disziplinen. Doch dies ist nur eine abstrakte Sicht auf ein Geschehen wie dieses. Die Psychologie der Persönlichen Konstrukte hat uns gelehrt, daß es darauf ankommt, welche „Bedeutung“ wir den Ereignissen geben. Und so ist vielleicht das Schlimmste für uns Überlebende, daß wir einen Kollegen, Freund, Partner, Vater verlieren - und wir finden keinen ersichtlichen Grund dafür, so sehr wir uns auch bemühen mögen, dem Geschehen Bedeutung zu verleihen.

Jörn Scheer, im Dezember 1996

PPK-Magazin 29 (4/1996)

 

© Jörn Scheer  2005 Last update 11-2-2005