Arne
Raeithel (1943 - 1996)
Zum
zweiten Mal nach dem frühen Tod von Regina Woidera wurde die
deutsche Personal Construct-Gemeinde von einem schmerzlichen Verlust
betroffen. Arne Raeithel starb am 1. Dezember völlig unerwartet
innerhalb weniger Stunden an den Folgen einer Gehirnblutung.
Er
wurde nur 53 Jahre alt. Wir trauern mit seiner Frau und seinen beiden
Söhnen.
Arne
Raeithel gehörte zu den Gründungsmitgliedern der deutschen
Personal Construct Arbeitsgruppe: er nahm an dem historischen Treffen
in Marburg teil, bei
dem 1984 die „German Grid Gang“ oder auch GGG aus der Taufe gehoben
wurde,
die heute DPPK heißt. In München geboren, studierte Arne
dort
und in Bielefeld Psychologie und arbeitete danach an den
Universitäten
in Berlin und seit 1986 in Hamburg, wo er sich auch habilitierte. Als
akademischer Lehrer hat er viele Schüler und Schülerinnen an
die Psychologie der Persönlichen Konstrukte herangeführt, von
denen eine ganze
Reihe heute noch in diesem Bereich engagiert ist.
Wohl
wenige sind, zumindest in Deutschland, ähnlich tief in die
wissenschaftstheoretischen und mathematischen Grundlagen der
Personal Construct-Psychologie
und der Grid-Analyse einge-drungen wie Arne Raeithel. Er entwickelte
sein
eigenes Verfahren der Eigenstruktur-Analyse (ESA) und der
Eigen-Prozeßanalyse (EPA) oder Vektorbalance, sowie das
Grid-Auswertungspaket GridStack auf Macintosh-Basis. Ana Catina und ich
schätzten uns glücklich, daß wir Arne für die
Kapitel über die Auswertung von Repertory Grids und, zusammen mit
Ulrike Willutzki, über Grid-Software in unserer „Einführung
in die Repertory Grid-Technik“ gewinnen konnten. Seine
konstruktivistischen Überlegungen zum diagnostischen Prozeß
in der Psychologie hat er unter dem Titel „Kooperative Modellproduktion
von Professionellen und
Klienten“ zuerst in den APPK-Mitteilungen (die heute PPK-Magazin
heißen)
veröffentlicht: in den Heften 4/1993 sowie 1 und 3/1994. In
neuerer
Zeit beschäftigte Arne sich verstärkt mit
„konnektionistischen“
Ansätzen, in denen er interessante Bezüge zur Kellyschen
Psychologie
sah. Sein Interesse hat jedoch immer auch praxisbezogenen Projekten
gegolten,
von der Analyse von Interaktionsstrukturen im Krankenhaus bis zum
Selbstverständnis
von HIV-Patienten.
Arnes
Interessen waren ungewöhnlich weitgefächert; sie schlossen
auch politisches Engagement ein, das in den 70er Jahren kulminierte.
Daß die deutsche Universität es nicht verstanden hat, sich
die Kreativität und
die konstruktive Potenz eines Wissenschaftlers vom Range Arne Raeithels
dauerhaft zu sichern, gereicht ihr mehr zum Schaden als letztlich Arne
selbst.
Er befand sich in dieser Hinsicht in guter Gesellschaft, und es war
erfrischend zu hören, wie er es - gut Kellianisch - vorzog, sich
nicht als „arbeitslos“ sondern als „freiberuflich“ zu definieren, um
nicht zu sagen: zu konstruieren. Und in der Tat war er zuletzt auch im
Bereich der Unternehmensberatung
und Personalentwicklung erfolgreich tätig, wo er die Psychologie
der
Persönlichen Konstrukte und sein eigenes Grid-Analyse-Paket
nutzbringend
einsetzen konnte.
Eine
kleine,
in Entwicklung begriffene wissenschaftliche „Gemeinde“ wie die Personal
Construct-Gruppe trifft der Verlust einer Leitfigur wie Arne Raeithel
härter als lange etablierte Disziplinen. Doch dies ist nur eine
abstrakte Sicht auf ein Geschehen wie dieses. Die Psychologie der
Persönlichen Konstrukte hat uns gelehrt, daß es darauf
ankommt, welche „Bedeutung“ wir den Ereignissen geben. Und so ist
vielleicht das Schlimmste für uns Überlebende, daß wir
einen Kollegen, Freund, Partner, Vater verlieren - und wir finden
keinen ersichtlichen Grund dafür, so sehr wir uns auch
bemühen mögen, dem Geschehen Bedeutung zu verleihen.
Jörn
Scheer, im Dezember 1996
PPK-Magazin
29 (4/1996)
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